Was die Ein-Kind-Politik in China mit der Wissenschafts- und Hochschulforschung zu tun hat

David Kaldeway

Prof. Dr. David Kaldewey (FIW) empfiehlt 3 unterschiedliche literarische Typen und Themen: einen Essay von Pierre Bourdieu, der das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft differenzierungstheoretisch erklärt, einen Artikel von Benoît Godin, der beschreibt, wie Wissenschaftsforschung die Idee von Innovation reflektiert und ein Buch von Susan Greenhalgh, das die möglichen Korrelationen zwischen der Ein-Kind-Politik in China und der Wissenschafts- und Hochschulforschung behandelt.

Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes

Das Studium der Soziologie lässt sich ganz gut erledigen, ohne sich je mit der Wissenschaftssoziologie als einer der vielen Bindestrichsoziologien beschäftigt zu haben. Dennoch hat es mich irgendwann auf dieses Gleis verschlagen, und im Nachhinein stellt man sich die Frage, wie es dazu kam. Von mehreren möglichen Antworten ist die einfachste vielleicht diejenige, dass eine ganze Reihe der soziologischen Klassiker die Wissenschaft als einen Bereich des Sozialen (neben anderen wie Politik, Wirtschaft, Religion, Kunst) positionierte und damit zum einen eine Aussage über die moderne Gesellschaft verband (diese sei, kurz gefasst, funktional differenziert), zum anderen instruktive Vergleichshorizonte eröffnete: Man konnte nun sagen, dass Wissenschaft Politik mit anderen Mitteln sei, sich mit der Religion um die Zuständigkeit für letzte „Wahrheiten“ streite oder aufgrund ihrer Rolle im Innovationsprozess von der Ökonomie kolonialisiert werde. Um das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft zu verstehen, kommt man auch heute nicht an der soziologischen Differenzierungstheorie vorbei. Bei begrenztem Zeitbudget wäre mein Vorschlag, die Lektüre zunächst auf Max Weber, Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu zu beschränken. Das ist immer noch ein erhebliches Pensum, deshalb hier zum Einstieg die Empfehlung eines kurzen, aber prägnanten Essays von Pierre Bourdieu über den sozialen „Mikrokosmos“ der Wissenschaft.

Bourdieu, Pierre (1998): Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes. Aus dem Französischen übertragen von Stephan Egger. Konstanz: UVK.


„The Linear Model of Innovation. The Historical Construction of an Analytical Framework“

Dieser Artikel steht exemplarisch für ein umfassendes Forschungsprogramm: Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt sich Benoît Godin mit der Geschichte, Idee und Ideologie von „Innovation“. Was auf den ersten Blick wie ein begriffsgeschichtliches Glasperlenspiel erscheinen mag, ist in seiner Relevanz für die Wissenschaftsforschung nicht zu unterschätzen: Wir reden heute, gerade auch in wissenschaftspolitischen Kontexten, kaum noch von wissenschaftlicher Forschung, ohne dabei auf Innovation zu verweisen. Die impliziten Bedeutungen und das semantische Erbe dieses Konzepts sind uns wenig bewusst. Wissenschaftsforschung und Wissenschaftspolitik behandeln gleichermaßen Innovation entweder als analytischen Begriff oder als absoluten Wert, auf den sich jede Forschung richtet. Godin zeigt nun auf, dass konkrete Modelle und Konzepte von Innovation eine historische Eigendynamik entwickeln und am Ende zu „sozialen Tatsachen“ werden. Diese Tatsachen bestimmen, was heute als Wissenschaft gilt, was durch die Wissenschaftspolitik gefördert wird oder allgemeiner: was wünschenswert ist. Vor diesem Hintergrund ist es eine wichtige Aufgabe der Wissenschaftsforschung, die Konzepte zu reflektieren, die unser Denken und unsere Handlungsspielräume bestimmen und – unbewusst – einschränken.

Godin, Benoît (2006): „The Linear Model of Innovation. The Historical Construction of an Analytical Framework“. Science, Technology, & Human Values 31(6): 639–667.


Just One Child. Science and Policy in Deng’s China

Auf den ersten Blick mag ein Buch über den Ursprung der Ein-Kind-Politik in der Volksrepublik China in den Jahren 1979/1980 etwas abwegig in einer Liste mit Literaturvorschlägen zur Wissenschafts- und Hochschulforschung wirken . Tatsächlich aber sind die Gründe für diese Empfehlung so zahlreich, dass sie hier nur stichwortartig wiedergegeben werden können. Es handelt sich um eine beeindruckende Studie zum Verhältnis von Wissenschaft und Politik, die neue Perspektiven in Hinblick auf die Frage eröffnet, was mit Vokabeln wie „Verwissenschaftlichung der Politik“ oder „Politisierung der Wissenschaft“ gemeint sein kann. Auch die oft trockene Diskussion zum Verhältnis zwischen Natur- und Sozialwissenschaften wird hier lebendig: Wir erfahren, wie und weshalb ein kybernetisch versierter Raketenwissenschaftler die Deutungshoheit über den Gegenstand „Bevölkerung“ gewann, während Sozialwissenschaftler nicht in der Lage waren, die komplexen sozialen Aspekte des Bevölkerungswachstums sichtbar zu machen. Erwähnenswert ist auch, dass Susan Greenhalgh Erkenntnisse aus mehreren Jahrzehnten Forschung zusammenführt und damit einen wohltuenden Kontrast zur gängigen Publikationspraxis setzt, die auf permanenten Output von kleingeschnittenen Papieren in den gängigen Zeitschriften setzt.

Greenhalgh, Susan (2008): Just One Child. Science and Policy in Deng’s China. Berkeley: University of California Press