Öffentliche Wissenschaft

Martina Franzen
Das ist ein Test © Das ist die Quellenangabe

Um unterhaltsame Wissenschaft in Cédric Villanis "Das lebendige Theorem", um verantwortungsvolle Leistungsvergleiche in Derek de Solla Prices "Little Science, Big Science" und um soziale Öffnung von Wissenschaft in Chiara Franzonis und Henry Sauermanns Überlegungen zu "Crowd Science" geht es in den drei Literaturempfehlungen von Dr. Martina Franzen, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Das lebendige Theorem

Das Buch des Fields-Medaillen-Gewinners Cédric Villani ist ein besonderes Beispiel für die erfolgreiche Popularisierung wissenschaftlichen Wissens. Der exzentrische Mathematiker löst das scheinbar Unmögliche: es gelingt ihm, einem Massenpublikum die Grundsätze seines esoterischen Forschungsgebiets unterhaltsam darzubieten. Dabei unternimmt er gar nicht erst den Versuch, seine Forschungsarbeiten zur Boltzmann-Gleichung und der nichtlinearen Landau-Dämpfung in eine für Laien verständliche Sprache zu übersetzen. Vielmehr besticht das Sachbuch durch seine unorthodoxe Darstellungsweise, die dem Leser einmalige Einblicke in die Welt der Forschung ermöglicht. Abgedruckt finden sich E-Mails, die Villani mit seinen Kollegen in den Jahren vor der Verleihung der begehrten Fields-Medaille austauscht. Auch ohne die Inhalte der Korrespondenzen und Arbeitsschritte konkret nachvollziehen zu können, entsteht durch die biografische Erzählung ein umfassendes soziologisches Bild darüber, wie Reputation als motivationale Antriebsstruktur die Erkenntnissuche vorantreibt. Auch für die Theorie und Praxis der Wissenschaftskommunikation liefert das Buch wertvolle Anregungen: Am Extrem der symbolischen Formelsprache vorgeführt, wird die Distanz zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit offengelegt und zugleich mit ästhetischen Mitteln überwunden.

Villani, Cédric (2013): Das lebendige Theorem, Frankfurt am Main: S. Fischer. (original: Théorème vivant, Paris: Grasset 2012).


Little Science, Big Science. Von der Studierstube zur Großforschung

Rankings prägen die gegenwärtige Hochschullandschaft genauso wie das Handeln ihrer Akteure. Die quantitativen Leistungsindikatoren der Forschung orientieren sich primär an Publikationen, über deren Anzahl und Relevanz einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ganze Fachbereiche, Universitäten oder sogar nationale Hochschulsysteme in Beziehung zueinander gesetzt werden. Über die Eignung einzelner Indikatoren als Mittel der Qualitätszurechnung (z. B. den Journal Impact Factor) wird zwar viel gestritten, doch sind zitationsbasierte Maße aus der Forschungsevaluation nicht mehr wegzudenken. Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick in eines der Gründungsdokumente der Szientometrie, derjenigen Disziplin also, die sich der Vermessung der Wissenschaft widmet. Im Rahmen der bekannten Pegram-Vorlesungsreihe am Brookhaven National Laboratory entfaltete der amerikanische Wissenschaftshistoriker Derek J. de Solla Price 1962 die prägende Idee, die empirischen Methoden der Wissenschaft auf sie selbst anzuwenden. Ausgehend von der Publikation als Basalelement der Wissenschaft und des empirisch sich abbildenden Netzwerks an Publikationen über Zitationen, zeigte er auf, dass die Produktivität von Wissenschaftlern einer Pareto-Verteilung gleicht. Beginnend in den 1970er-Jahren und verstärkt in den 1980er-Jahren, entdeckte die Politik bibliometrische Indikatoren als Instrumente des wissenschaftlichen Leistungsvergleichs und setzte damit eine soziale Dynamik des strategischen Handelns in Gang. Für die aktuell laufende Diskussion um den verantwortungsbewussten Umgang mit Metriken aller Art („Responsible Metrics“) kann die Lektüre des schmalen Suhrkamp-Bandes erneut einen wichtigen Denkanstoß geben. De Solla Price, von Hause aus Physiker, machte am Rande seiner Analysen zum exponentiellen Wachstum der Wissenschaft auch auf die generellen Anwendungsbeschränkungen statistischer Messungen aufmerksam: „Genau wie man die einzelnen Geschwindigkeiten aller Moleküle eines Gases nicht messen kann, kann man auch nicht wirklich den Grad der Bedeutung eines jeden Wissenschaftlers messen.“

Price, Derek J. de Solla (1974): Little Science, Big Science. Von der Studierstube zur Großforschung, Frankfurt/M.: Suhrkamp, (original: Little Science, Big Science. New York: Columbia University Press 1963).


Crowd science: The organization of scientific research in open collaborative projects

In der ansonsten stark moralisch aufgeladenen Debatte um die soziale Öffnung von Wissenschaft im Rahmen von Citizen Science sticht ein Beitrag besonders hervor: Franzoni und Sauermann liefern aus organisationstheoretischer Perspektive einen systematischen Überblick über die aktuelle Projektlandschaft und geben instruktive Instrumente an die Hand, um die Transformation der wissenschaftlichen Wissensproduktion näher zu untersuchen. Im Fokus ihrer Analyse stehen sogenannte Crowd-Science-Ansätze. Analog zum Crowdsourcing in der Wirtschaft – das bekannteste Beispiel ist hier Amazons Mechanical Turk – bedeutet Crowd Science eine Auslagerung des standardisierten und oft routineförmigen Teils der Forschungsarbeit an die anonyme Crowd, mit dem einen Unterschied, dass Partizipation an Wissenschaft nicht entlohnt wird. Crowd Science baut auf technologischen Infrastrukturen auf und ermöglicht so datenintensive Großprojekte, die mit begrenzter Zahl an wissenschaftlichen Mitarbeitern kaum umsetzbar wären. Anhand von drei Projektbeispielen aus der Biochemie (Foldit), der Astronomie (Galaxy Zoo) und der Mathematik (Polymath) entfalten Franzoni und Saumermann ihr Analyseschema. Aus dem Vergleich wird deutlich, wie die  erforderlichen Kompetenzen der Beteiligung an Wissenschaft nicht zuletzt durch den Grad an Interdependenz der Teilaufgaben von Projekt zu Projekt variieren und die Teilnahmebedingungen entsprechend herauf- oder herabsetzen. Empirisch betrachtet konzentriert sich selbst in den hoch frequentierten Projekten die Mehrzahl der Beiträge auf eine kleine Zahl an besonders Engagierten. Inwiefern der Crowd Science tatsächlich das Potenzial innewohnt, einen Wechsel des Wissensregimes herbeizuführen, das sich von dem abhebt, was Franzoni und Sauermann das traditionelle Mertonianische Modell nennen, bleibt der Überprüfung durch zukünftige Studien vorbehalten.

Franzoni, Chiara; Sauermann, Henry (2014): Crowd science: The organization of scientific research in open collaborative projects. Research Policy 43 (1), pp. 1–20. DOI: 10.1016/j.respol.2013.07.005