Gute Studierende - Schlechte Studierende

Edith Braun

Neben einem Lehrbuch, das Aufschluss über eine Reihe internationaler Instrumente der Kompetenzmessung an Hochschulen gibt sowie einem Werk zum aktuellen Kenntnisstand der Pädagogischen Psychologie, empfiehlt Dr. Edith Braun ein hochinteressantes Edutainment Video von Claus Braband zu Lernstrategien und Lernorientierung.

Teaching Teaching & Understanding Understanding

Mir macht Lehre großen Spaß, da ich immer wieder auf Erkenntnisse der empirischen Bildungsforschung zurückgreifen und die Studierenden und mich beim Lehr- Lernprozess reflektieren kann. Seit einiger Zeit gebe ich auch Weiterbildungen für Lehrende an Hochschulen. In gewisser Weise sind dort verblüffende Parallelen zum studentischen Lernen zu beobachten.

In meine Lehrtätigkeit – sowohl mit Studierenden als auch mit Lehrenden – baue ich gern ein Edutainment Video mit dem Titel „Teaching Teaching & Understanding Understanding“ ein. Der Autor Claus Braband hat das Video im Jahr 2006 an der Dänischen Universität Aarhus produziert. Es ist in voller Länge (20 Min.) mit deutschen Untertiteln im Internet zu finden.

Das Video vermittelt in etwas provokanter Form die vielfältigen Lernstrategien von Studierenden und die verschiedenen Lehrorientierungen von Lehrenden. Es knüpft an die Bildungsexpansion an und erläutert zunächst, was es für die soziale und akademische Zusammensetzung der Studierenden bedeutet, wenn immer mehr Menschen ein Hochschulstudium aufnehmen. Im ersten Teil werden Susan und Robert vorgestellt, zwei Studierende mit unterschiedlichen Motivationen und Erwartungen. Im zweiten Teil wird die Sicht der Lehrenden auf Susan und Robert gezeigt und ein durchaus nachvollziehbares Bild der Prototypen „guter Studierender/schlechter Studierender“ gezeichnet. Der dritte Teil beleuchtet die Beziehung beider Perspektiven zueinander. Dabei wird die Bedeutung der Gestaltung sowohl des Unterrichts als auch der Prüfungsformate herausgearbeitet. Ideal ist es, wenn die Art der Prüfung einer tiefergehenden Verarbeitung des Unterrichtsstoffs bedarf und eine entsprechende Korrespondenz von Lerninhalten und Prüfung gegeben ist.

Auch wenn die präsentierte Lösung sicherlich nicht die einzig mögliche ist, präsentiert das Video die theoretischen Annahmen von John Biggs in anschaulicher Weise. Damit ist es geeignet, die theoretischen Konstrukte „Lernstrategien“ und „Lehrorientierung“ zu behandeln. Zudem ist es höchst unterhaltsam und lädt zum Reflektieren ein.

Meine Lieblingssequenz im Video ist der Moment, in dem ein Lehrender die Stempel ‚guter Student‘ bzw. ‚schlechter Student‘ vergibt. Hier muss ich auch heute noch laut lachen, wenn ich es gemeinsam mit Studierenden ansehe. Nicht nur, weil ich manche Studierende, sondern auch, weil ich manche Aussagen von Lehrenden eins zu eins wiedererkenne. 

Claus Braband (2006): Teaching Teaching & Understanding Understanding, Hrsg.: Universität Aarhus, Dänemark, URL: https://www.youtube.com/watch?v=iMZA80XpP6Y


Messung akademisch vermittelter Kompetenzen

Ein topaktueller Überblick über das Thema, mit dem ich mich seit über zehn Jahren beschäftige, wird in dem Buch „Messung akademisch vermittelter Kompetenzen von Studierenden und Hochschulabsolventen“ von Olga Troitschanskaia, Hans Anand Pant, Christiane Kuhn, Miriam Toepper und Corinna Lautenbach (2016) gegeben. Es stellt diverse, internationale Instrumente der Kompetenzmessung an Hochschulen vor. Die Autorinnen und Autoren unterscheiden zunächst konzeptionell kognitive Fähigkeiten von nicht kognitiven Fähigkeiten. Erstere werden weiter unterteilt in ergebnisbezogene bzw. prozessbezogene kognitive Fähigkeiten. Die ergebnisbezogenen kognitiven Fähigkeiten beziehen sich auf Wissen und Wissensstrukturen. Dagegen beschreiben prozessbezogene kognitive Fähigkeiten mentale Prozesse wie Informationsverarbeitung. Hierunter fallen logisches, kritisches, analytisches Denken genauso wie Problemlösefähigkeiten. In der wissenschaftlichen Literatur besteht Uneinigkeit, ob mentale Prozesse unabhängig von bestimmten Disziplinen oder Studienrichtungen operationalisiert werden können. Der zweite große Kompetenzbereich sind die nicht kognitiven Fähigkeiten. Diesbezüglich wird festgestellt, dass noch Forschungsbedarf besteht, da bisher kaum Messinstrumente zur Erfassung von nicht kognitiven Kompetenzen entwickelt wurden. Daher erwarte ich mit Hochspannung, was die Forschung zu nicht kognitiven Kompetenzen in den nächsten Jahren an Erkenntnissen und Messverfahren erarbeiten wird.

Olga Troitschanskaia, Hans Anand Pant, Christiane Kuhn, Miriam Toepper, Corinna Lautenbach (2016): Messung akademisch vermittelter Kompetenzen von Studierenden und Hochschulabsolventen, Springer VS


Pädagogische Psychologie

Zuletzt möchte ich das Standardlehrbuch „Pädagogische Psychologie“, herausgegeben von Tina Seidel und Andreas Krapp (2014), empfehlen. Es umfasst mehrere Kapitel, die jeweils von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren verfasst wurden. Das Lehrbuch widmet sich den großen Themen Pädagogische Psychologie als Wissenschaft, Psychologie des Lernens, Wissensvermittlung, Lernumwelten und ausgewählten Tätigkeitsfeldern. Das Buch ist in sich kohärent und liest sich flüssig wie ein guter Roman. Neben zahlreichen Erkenntnissen zu Fragen, wie Lernen in allen Altersgruppen unterstützt werden kann, sind vielfältige Anregungen zur Reflektion enthalten, beispielsweise zum Wissenschaftsverständnis oder Qualitätskriterien von wissenschaftlichen Theorien. Deshalb hole ich dieses Lehrbuch immer wieder gern aus dem Regal, um genauer nachzulesen. 

Tina Seidel, Andreas Krapp (2014): Pädagogische Psychologie, Beltz