Gestaltungsoptionen in technologischen Entwicklungsprozessen erschließen

Armin Grunwald

Armin Grunwald leitet das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und hat eine Professur für Technikphilosophie und Technikethik inne. Als Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) berät er zudem den Deutschen Bundestag und seine Ausschüsse in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Nachhaltigkeit, Technikfolgenabschätzung und Ethik neuer Technologien.

WiHo-Redaktion: Was würden Sie als Mission Ihres Instituts ansehen?
Armin Grunwald: Wir erforschen wissenschaftliche und technische Entwicklungen in Bezug auf systemische Zusammenhänge und gesellschaftliche Folgen. ITAS erarbeitet und vermittelt Wissen und Bewertungen und entwirft Handlungs- und Gestaltungsoptionen. Wesentliche Ziele sind die Beratung der Forschungs- und Technikpolitik, die Bereitstellung von Orientierungswissen zur Gestaltung sozio-technischer Systeme sowie die Durchführung diskursiver Verfahren zu offenen oder kontroversen technologiepolitischen Fragen.

WiHo-Redaktion: Welche Aktivitäten Ihres Instituts wurden in den letzten Jahren in der wissenschaftlichen Community bzw. in der Öffentlichkeit besonders wahrgenommen?
Armin Grunwald: Eine Studie des zu meinem Institut gehörenden Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag hat untersucht, welche Folgen ein länger dauernder und großflächiger Ausfall der Stromversorgung in Deutschland hätte. Aufgrund der teils hochgradig beunruhigenden Ergebnisse hat diese Studie erhebliche Aufmerksamkeit in Politik, Kommunen und Öffentlichkeit gewonnen.

WiHo-Redaktion: Wo sehen Sie Deutschland in der WiHo-Forschung im internationalen Vergleich? Was könnten wir von welchen Ländern lernen?
Armin Grunwald: Nach meiner Einschätzung ist die deutsche Wissenschafts- und Hochschulforschung im sozialwissenschaftlichen, tendenziell sogar eher im soziologischen Bereich sehr gut aufgestellt und wird international stark wahrgenommen. Allerdings sind in Deutschland die disziplinären Gräben zu benachbarten Disziplinen (vor allem Philosophie und Geschichtswissenschaft) tiefer. In Bezug auf interdisziplinäre Kooperation könnten wir z.B. von den Niederlanden oder den USA lernen.

WiHo-Redaktion: Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Themen der kommenden Jahre in der WiHo-Forschung?
Armin Grunwald: Ich glaube, dass hier neue Formate transformativer Forschung und ihre institutionellen Randbedingungen eine besondere Rolle spielen werden. Beispielsweise ist die Forschung in und an Reallaboren bereits heute Gegenstand intensiver Reflexion aus Soziologie und Wissenschaftstheorie. Ein weiteres wichtiges aber nicht neues Kernthema sind die Möglichkeiten und Folgen der Digitalisierung für die verschiedenen Disziplinen in Forschung und Lehre, aber auch für die Gestaltung institutioneller Konstellationen der Wissenschaft.

WiHo-Redaktion: Wenn Sie bei den nächsten Haushaltsverhandlungen einen Wunsch frei hätten, wofür würden Sie diesen nutzen?
Armin Grunwald: Ich würde mir gerne eine stark interdisziplinäre Arbeitsgruppe zu den Folgen und Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung und Autonomisierung für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess wünschen.

WiHo-Redaktion: Was hat Sie seinerzeit besonders daran gereizt, die Leitung dieses Instituts zu übernehmen?
Armin Grunwald: Die Chance, interdisziplinär und umfassend neue technologische Entwicklungen in Bezug auf gesellschaftliche Folgen untersuchen zu können, um vorausschauend Gestaltungsoptionen zu entwickeln. Letztlich geht es mir darum, Gestaltungsoptionen zu erschließen statt über Prognosen und deterministische Vorstellungen gesellschaftliche Anpassung zu erzwingen. Dies halte ich auch im Kontext der Demokratie für essentiell.