Das Soziologische an der Hochschulforschung

Kleimann Bernd

Die Rolle von Professorinnen und Professoren im aktuellen Hochschulsystem, die Grenzen neuer Steuerungsmodelle und der sozialtheoretische Hintergrund der Wissenschafts- und Hochschulforschung – das sind die thematischen Schwerpunkte, auf die sich die folgenden Literaturempfehlungen von PD Dr. Bernd Kleimann (DZHW Hannover) beziehen.

Wissenschaftliche Karriere und Beschäftigungsbedingungen. Organisationssoziologische Überlegungen zu den Grenzen neuer Steuerungsmodelle an deutschen Hochschulen

Wer sich für die (zentrale) Rolle professoralen Personals im aktuellen Hochschulsystem und für die (bemerkenswerten) Grenzen neuer Steuerungsmodelle interessiert, findet in diesem Aufsatz eine aufschlussreiche organisationssoziologische Analyse. Traditionell kommt den Professorinnen und Professoren in der Expertenorganisation Hochschule eine starke Stellung zu: Sie verfügen erstens über das für die Zweckerfüllung der Organisation unabdingbare Spezialwissen, und zweitens nehmen sie formal und informell maßgeblichen Einfluss auf die innerhochschulischen Entscheidungsprozesse. Im Zuge der Einführung neuer Steuerungsformen – insbesondere der Hierarchisierung der internen Governance der Hochschulen – hat man nun versucht, den Bottom-up-Einfluss der professoralen Expertinnen und Experten zu reduzieren und die Steuerungskapazität der Organisation zu erhöhen. Auf diese Weise sollten kollegiale Organisationsblockaden abgebaut und Entscheidungsprozesse beschleunigt werden. Hüther und Krücken zeigen dagegen in ihrer Analyse der Karriere- und Beschäftigungsbedingungen an Universitäten, dass und warum dieser Versuch bislang gescheitert ist. Weder steht den Universitäten – mit Luhmann formuliert – die erforderliche Organisationsmacht (d. h. die Kontrolle von Ein- und Austritt des professoralen Personals) zur Verfügung, noch sind sie imstande, die notwendige Personalmacht (Beförderung oder Verhinderung organisationsinterner Karrieren) in ausreichendem Umfang zu mobilisieren. Der Artikel verdeutlicht exemplarisch das Auseinanderklaffen von Reformanspruch und -wirklichkeit in der deutschen Hochschulpolitik sowie die persistierende „Organisationsschwäche“ der deutschen Hochschulen.

Hüther, Otto/Krücken, Georg (2011): Wissenschaftliche Karriere und Beschäftigungsbedingungen. Organisationssoziologische Überlegungen zu den Grenzen neuer Steuerungsmodelle an deutschen Hochschulen. Soziale Welt, Heft 62, S. 305-325.


Wissenschaft, Universität, Professionen

Die Einbeziehung historischer Erkenntnisse in differenzierungstheoretische Betrachtungen der soziologischen Wissenschafts- und Universitätsforschung ist keineswegs selbstverständlich. Die Aufsätze des lesenswerten Sammelbandes von Stichweh zeigen, wie erhellend eine solche Rekapitulation der Differenzierungsgeschichte sozialer Strukturen im Kontext der Wissenschaft für das Verständnis ihrer aktuellen Dynamiken und Formen sein kann. Eine besondere Stärke liegt dabei in der Verknüpfung von Perspektiven der Wissenschafts- und Hochschulforschung, die durch die Behandlung dreier thematischer Schwerpunkte sowie ihrer Interdependenzen erfolgt: So geht es erstens um die Ausdifferenzierung der modernen Wissenschaft zu einem disziplinär gegliederten, operativ geschlossenen Sozialsystem. Zweitens geht es um die damit einhergehende Ausbildung der auf wissenschaftliche Erkenntnisse abzielenden Forschungsuniversität im 19. Jahrhundert.  Außerdem geht es drittens um die Funktion der modernen Professionen (Recht, Medizin, Religion, Schulerziehung), die sich auf die praktische Behandlung gesellschaftlicher Probleme bezogenen Handlungszusammenhänge von den wissenschaftlichen Disziplinen abgrenzen. Aufschlussreicher, serendipitätsartiger Nebeneffekt der professionssoziologischen Betrachtungen dabei: Sie geben triftige begriffliche Unterscheidungen für eine kritische Rahmung der weithin begrifflich lax geführten Professionalisierungsdebatte im Hochschulsystem an die Hand.

Stichweh, Rudolf (1994): Wissenschaft, Universität, Professionen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.


Gesellschaft

Dass sich die Auseinandersetzung mit dem Thema „Gesellschaft“ für Soziologinnen und Soziologen empfiehlt, wird niemanden verwundern. Warum aber findet der gleichnamige Einführungsband von Uwe Schimank Eingang in Lektüreempfehlungen zur Hochschul- und Wissenschaftsforschung? Der Grund liegt in einer theoretischen Einseitigkeit (eines Teils) der Hochschulforschung, die vor dem Hintergrund von Schimanks konziser Darstellung dreier sozialtheoretischer Perspektiven (Differenzierungs-, Ungleichheits- und Kulturtheorie) besonders deutlich hervortritt, nämlich der dominanten Fokussierung einer auf Personengruppen, Bildungs- und Berufsverläufe bezogenen Hochschulforschung auf die Ungleichheitsperspektive. So geraten Motivlagen, Entscheidungen, Karrierechancen oder quantitative Verteilungsmuster von Studienberechtigten, Studierenden, Hochschulabsolventinnen und -absolventen, Angehörigen des wissenschaftlichen Nachwuchses und Professorinnen und Professoren in der Regel exklusiv als Effekte ungleicher Lebenslagen in den Blick. So zutreffend dies ist, so ergänzungsbedürftig ist es auch: Oftmals wird außer Acht gelassen, dass die Ungleichheit von Lebenschancen stets mit der Dominanz kultureller Muster zu tun hat und ihre Ursachen und Entwicklungsdynamiken nicht unabhängig von der funktionalen Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft betrachtet werden können. Schimanks Buch sensibilisiert die Leserinnen und Leser für die Komplementaritäten zwischen den drei Theoriekomplexen und ermöglicht der Hochschulforschung dadurch eine Erweiterung ihres gesellschaftstheoretischen Blickwinkels.

Schimank, Uwe (2013): Gesellschaft. Bielefeld: Transcript.