Bildungsungleichheiten aufdecken und verstehen

Martin Neugebauer

Martin Neugebauer besetzt eine Juniorprofessor für Empirische Bildungs- und Hochschulforschung an der Freien Universität Berlin. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der sozialen, geschlechtlichen und ethnischen Bildungsungleichheit. Im Rahmen dessen beschäftigt er sich unter anderem mit Berufsbiografien und individuellen Bildungsentscheidungen sowie der Studienabbruchsforschung.

WiHo-Redaktion: Wie würden Sie das Profil Ihrer Professur mit Blick auf die Forschung beschreiben?
Martin Neugebauer: Warum sind Menschen aus niedrigeren sozialen Schichten in den Hochschulen unterrepräsentiert? Welche Konsequenzen hat die Bologna-Reform für die Chancengleichheit? Lohnt sich ein Bachelorstudium gegenüber einer Berufsausbildung? Wer entscheidet sich für ein Lehramtsstudium – und warum? Das sind einige der Fragen, die an meinem Arbeitsbereich erforscht werden. Dahinter steckt das zentrale Anliegen, gemeinsam mit anderen Forscherinnen und Forschern wissenschaftlich abgesichertes Wissen zu generieren, dass als Grundlage für die kontinuierliche Verbesserung unseres (Hochschul-)bildungssystems dienen kann.

WiHo-Redaktion: Wie kam es, dass Sie sich mit Wissenschafts- und Hochschulforschung beschäftigt haben? Gab es ein zentrales Ereignis/eine bestimmte Erfahrung?
Martin Neugebauer: Es war eine glückliche Fügung, die mich zu diesem spannenden Forschungsfeld geführt hat. Eines Tages, gegen Ende meines Studiums in Mannheim, wartete ich am Aufzug der Fakultät, um meine Diplomarbeit abzugeben. Plötzlich stand da der renommierte Bildungs- und Mobilitätsforscher Prof. Dr. Dres. h.c. Walter Müller neben mir. Wir kamen ins Gespräch, ich schickte ihm meine Arbeit. Einige Tage später bot er mir eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem DFG-geförderten Hochschulforschungsprojekt an.

WiHo-Redaktion: Wie würden Sie das Profil Ihrer Professur mit Blick auf die Lehre beschreiben?
Martin Neugebauer: In erster Linie versuche ich, bei meinen Studierenden Interesse an wissenschaftlichem Denken und Arbeiten zu wecken. Ist das Interesse einmal geweckt, bemühe ich mich, den Studierenden Raum für eigene Ideen zu geben. Lehren bedeutet, den Lernenden Gelegenheit zu geben, selbst zu lernen. Inhaltlich vermittele ich quantitative Forschungsmethoden, ebenso wie aktuelle Befunde aus dem Bereich empirische Bildungsforschung und Bildungssoziologie.

WiHo-Redaktion: Zum Status Quo der WiHo-Forschung in Deutschland: Worin ist sie gut? Was fehlt ihr noch?
Martin Neugebauer: Soweit ich das beurteilen kann, ist die WiHo-Forschung insgesamt auf einem guten Weg. Verbesserungspotenzial sehe ich zum Beispiel bei der Schaffung noch belastbarerer Datengrundlagen. Angesichts der ausgeprägten Abneigung an wissenschaftlichen Befragungen teilzunehmen, wird es zukünftig auch darum gehen, neue Wege der Datengewinnung einzuschlagen. Unsere Befunde stehen auf wackeligen Beinen, wenn nur ein Bruchteil der Studierenden oder Absolventen unsere Fragen beantwortet.

WiHo-Redaktion: Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Themen der kommenden Jahre in der WiHo-Forschung?
Martin Neugebauer:  Nun, ein wichtiges Thema wird es sein, nach besseren Lösungen zu suchen, um Karrierewege in der Wissenschaft planbar zu machen. In kaum einem Land sind so viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befristet beschäftigt, wie in Deutschland.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Integration von Geflüchteten an den Hochschulen.

Darüber hinaus erhält die alte Debatte um das Verhältnis von akademischer und beruflicher Bildung vor dem Hintergrund der Bologna Reform und der anhaltenden Hochschulexpansion neuen Auftrieb.

Schließlich wird das Thema Studienabbruch neue Aufmerksamkeit erhalten. Ein knappes Drittel aller Studierenden bricht das Studium ab. Nicht ohne Grund hat das BMBF kürzlich ein Programm aufgelegt, in dem Fragen nach den Ursachen und Konsequenzen eines Studienabbruchs empirisch untersucht werden. Auch mein Arbeitsbereich ist mit einem Projekt beteiligt, in dem wir die Integration von Studienabbrecherinnen und Studienabbrechern auf dem Arbeitsmarkt untersuchen werden.